Das Keyboard ist es eines der jüngsten Instrumente im Fächerkanon der Musikschule. Böse Zungen behaupten, man müsse eigentlich nur noch die richtigen Knöpfe drücken, den Rest erledige das Instrument allein. Stimmt das tatsächlich? Wir fragen nach bei Claudia Seebass.
Lehrpersonen
Thomas Baumgartner, Jarmila Hiller, Claudia Seebass, René Brandenburg, Roger Dietiker
Wer Keyboard spielt, kann auch Klavier spielen und umgekehrt. Stimmt das?
Claudia Seebass: Deine Frage erinnert mich ein bisschen an Gespräche auf Skipisten, die dazu tendieren, in kontroversen Diskussionen zu enden: Was ist jetzt besser, zuerst Skifahren oder zuerst Snowboarden?
Als guter Skifahrer mag es dir gelingen, am Bügellift auf einem Snowboard hochzufahren. Spätestens oben stellt sich aber die Frage, wie du mit beiden Füssen auf nur einem Brett wieder runterkommst. Als guter Snowboarder schaffst du es auf Ski auch ohne Sessellift nach oben. Wenn du das erste Mal mit überkreuzten Skiern kopfüber feststeckst, wird auch da die Einsicht kommen: Vorkenntnisse sind hilfreich, aber man muss auch dazulernen, damit es wirklich Spass macht.
Bleibt noch die Frage, was du unter «Keyboard» verstehst.
Woran denkst du, wenn du «Ski» liest? Alpin, Nordisch, Freestyle? Denkst du an Carving, Telemark oder Skitouren?
Wenn du «Keyboard» sagst, denkst du an E-Pianos wie das Fender Rhodes oder Clavinet? Denkst du an Hammond oder Rock Orgeln? Oder denkst du an das Gedudel von Spielzeugen, welche in Warenhäusern irrtümlicherweise als «geeignet für den Unterricht an Musikschulen» angepriesen werden?
Also: Wer Funkgrooves auf einem «Keyboard», sei es Arranger Keyboard, E-Piano oder Synthesizer, gut spielt, oder sich selbst und andere beim Singen problemlos begleitet, kann das auch auf einem Klavier.
Wer Schumann, Chopin oder Mozart auf dem Klavier gelernt hat, kann das auch auf einem «Keyboard», vorausgesetzt, es hat genug Tasten, Anschlagdynamik und idealerweise ein Sustain Pedal. Die Ohren fallen nicht ab, ich schwör’s.
Zu deiner Frage: Ja, aber. Entscheidend sind die Vorkenntnisse sowie die Bereitschaft, sich mit einer offenen, positiven Haltung auf die Anforderungen des anderen Instruments einzulassen.
Ich habe einmal auf einem Keyboard auf einen Knopf gedrückt, und das Instrument hat alleine gespielt. Wozu braucht es mich da überhaupt noch? Was machen all die Knöpfe auf dem Instrument?
CS: Etwas salopp ausgedrückt: Es braucht dich, um mit zunehmenden Fähigkeiten am Instrument all die Vorurteile, welche dazu zirkulieren, zu widerlegen.
Zu deiner zweiten Frage: Schieber, Regler, Knöpfe etc. auf der Instrumentenoberfläche helfen dir, während du spielst verschiedene Funktionen schnell und unkompliziert abzurufen, zum Beispiel den Rhythmus zu ändern, verschieden Klänge für die rechte und linke Hand zu wählen, Sounds flexibel zu steuern oder besondere Effekte einzuschalten. Du kannst das live während des Spiels tun, oder du speicherst deine Einstellungen ab und steuerst sie während des Spiels über ein Fusspedal. Du kannst damit deine Musik spannender gestalten.
Das alles ändert nichts daran, dass du, wie bei allen anderen Instrumenten auch, Spieltechniken lernen wirst. Dazu gehört, deine Finger so weit zu trainieren, dass sie das spielen, was du willst und nicht umgekehrt. Idealerweise lernst du auch Techniken, welche es dir ermöglichen, problemlos zwischen gewichteten, ungewichteten oder wenig gewichteten Tasten zu wechseln.
Ich verstehe überhaupt nichts von Technik und interessiere mich auch nicht wirklich dafür. Kann ich trotzdem Keyboard spielen?
CS: Ich gehe davon aus, dass du unter «Technik» die Bedienung von Schiebern, Reglern oder Controllern auf der Instrumentenoberfläche und das Spielen und Experimentieren mit den eingebauten Programmierungsfunktionen meinst?
Wenn dich das alles nicht interessiert, du aber trotzdem darüber nachdenkst, dich für «Keyboard»-Unterricht anzumelden, interessiert mich, weshalb du denn darüber nachdenkst:
- Ist das Klavier zu gross, zu laut oder zu teuer, du möchtest aber trotzdem Klavierspielen lernen? Dann genügt es, zu wissen, wie das Sustain-Pedal anschliessen und wo die Anschlagdynamik einschalten.
- Möchtest du lernen, deine Kollegin, die gerne singt, an einem Keyboard zu begleiten? Sustain Pedal, Anschlagdynamik und: Ein Digitalpiano ist etwas anderes als ein E-Piano.
- Hat dir die Oma das «The Logical Song»-Youtube Video gezeigt und du wusstest sofort, du willst so spielen lernen wie der Keyboarder von «Supertramp»?
Dann genügt es, wenn du weisst, wie man die E-Piano Sounds aufruft und die vorinstallierten Patterns von Schlagzeug, Bass, Gitarren und anderen Instrumenten nutzt, um mit einer digitalen Band zu üben, bis du bereit bist für eine richtige Band. - Hat dir die Mama ein Keyboard geschenkt und der Papa findet, dass du es jetzt richtig lernen sollst, obwohl du eigentlich lieber Schlagzeug spielen würdest? Dann genügt es, wenn du lernst, wie man ein «Drum Kit» aufruft und wir üben «Keyboard Drumming», bis du an einem richtigen Schlagzeug weiter lernen kannst.
Ansonsten gilt: Wenn du die Möglichkeiten eines «Keyboards» ausloten lernen möchtest, ist Spass an Knöpfen, Schiebern und Reglern Voraussetzung.
Wenn du Spass an Knöpfen, Schiebern und Reglern hast, aber vor Begleitautomatik und Programmieren zurückschreckst und lieber an Klängen schrauben würdest, dann ist ein Synthesizer, der ja auch ein „Keyboard” ist, eine Möglichkeit für dich.
Film 1: «Keyboard Drumming”
Quelle: Sagar Siddham YouTube (2023)
Film 2: «Kann ich trotzdem Keyboard spielen»?
Quelle: Behringer YouTube (2025)
Fragen an Schülerinnen und Schüler
Warum hast du dich ausgerechnet für dieses Instrument entschieden?
Y: Meine Eltern sagten mir, dass es ein Instrument gibt, so etwas wie Klavier, aber elektronisch und mit verstellbaren Klängen. Ich habe es ausprobiert und es hat mir gefallen.
S: Mir hat gefallen, dass man damit zusammen mit Schlagzeug spielen kann.
M: Mein Vater hat mir gesagt, dass man auf diesem Instrument alle Instrumente spielen kann, das fand ich cool.
I: Das Instrument sieht cool aus. Und es tönt cool.
Was spielst du eigentlich mit der linken Hand?
Z: Meistens Akkorde.
R: Akkorde oder Bass-Schlüssel.
Kennst du dich auch mit der Technik des Instruments ein wenig aus? Experimentierst du manchmal auch mit den verschiedenen Klängen?
O: Ich weiss, wie man die Registration Memory speichert, wie man Sounds austauscht oder mit dem Schlagzeug ein Intro, Fill In, Break oder Ending benutzt. Ich weiss auch, wozu man 2 Pedale brauchen kann.
E: Es hat so eine Taste, um mit dem Schlagzeug zusammen Bass oder Gitarre oder so mitspielen zu lassen. Und eine andere Taste, um zu wählen, welche Instrumente dann tönen. Ich probiere gerne aus, welche Instrumente ich da weglassen kann, dass es mir besser gefällt. Ich habe schon das Schlagzeug weggelassen und nur zu einer Gitarre mitgespielt.