Einige Lehrpersonen aus unseren Reihen haben sich dazu entschlossen, selbst wieder in die Rolle der Schülerin zu schlüpfen und nehmen Unterricht auf einem anderen als ihrem angestammten Instrument. Hier berichten sie über ihre wertvollen Erfahrungen mit diesem Rollentausch.
Jacqueline Mühry, Cellolehrerin

Liebe Jacqueline, dein angestammtes Instrument ist das Cello. Nun hast du dich vor ein paar Jahren entschlossen, selbst wieder in die Rolle der Schülerin zu schlüpfen und bei einer Kollegin Gesangsunterricht zu belegen. Was hat dich dazu bewogen?
Jacqueline Mühry: Es war ein langjähriger Wunsch von mir, schon während des Studiums.
Warum hast du dich ausgerechnet für den Gesang entschieden? Was fasziniert dich daran?
JM: Den Körper als Instrument zu nutzen. Die Stimme ist das unmittelbarste Instrument, das wir haben. Beim Singen kommen die Emotionen direkt zum Ausdruck.
Du bist eine professionelle Musikerin. Wie fühlte es sich für dich an, wieder Anfängerin zu sein?
JM: Es fühlt sich gut an, etwas von Grund auf zu erlernen, aber manchmal bin ich etwas ungeduldig, weil ich hohe Ansprüche an mich habe.
Du bist inzwischen schon bei verschiedenen Gelegenheiten als Gesangssolistin aufgetreten. Wie unterscheidet sich das für dich von einem Auftritt mit deinem angestammten Instrument, dem Cello? Bist du aufgeregter?
JM: Ich bin etwas weniger nervös, weil das Publikum weiss, dass ich Schülerin und nicht Profi bin.
Hat sich dein Unterrichtsstil verändert, seit du selbst wieder Schülerin bist? Hast du Erkenntnisse aus diesem Rollentausch gewonnen, die du in deinem Unterricht verwenden kannst?
JM: Ein bisschen. Ich achte mehr auf Atmung beziehungsweise musikalische Bögen beim Spielen des Cellos.
Wie fühlt es sich an, vor der nächsten Lektion nicht oder zu wenig geübt zu haben? Begegnest du deinen eigenen Schüler/innen in solchen Situationen anders, seit du selbst wieder Schülerin geworden bist?
JM: Ja, ich bin etwas toleranter geworden. 😉
Heike ter Stal, Gitarrenlehrerin

Liebe Heike, du unterrichtest seit vielen Jahren Gitarre an unserer Musikschule. Nun hast du begonnen, bei einer Kollegin Blockflötenunterricht zu belegen. Warum?
HtS: Die körperliche Erfahrung über das Blasen und die Atmung Töne und Melodien zu gestalten reizt mich sehr. Da ich auch historische Zupfinstrumente studiert habe und mich in der „Alten Musik“ zu Hause fühle, habe ich die Blockflöte mit ihrem schönen warmen Klang gewählt, um eine neue musikalische Ausdrucksweise zu finden.
Musik machen und Neues lernen macht auch einfach Spaß.
Wie unterscheiden sich die beiden Instrumente für dich? Was fällt dir auf dem einen leichter als auf dem anderen? Wo liegen die Herausforderungen? Kann man von Vor- und Nachteilen sprechen?
HtS: Die Gitarre als akkordisches Zupfinstrument und die Blockflöte als Melodieinstrument unterscheiden sich ja grundsätzlich sehr. Die Herausforderung bei der Gitarre liegt im mehrstimmigen und solistischen Spiel. Man kann aber auch schon mit einfachen Akkorden Begleitungen spielen und damit das harmonische Hören lernen.
Ich geniesse nun auf der Blockflöte die vielen Gestaltungs- und Artikulationsmöglichkeiten des einstimmigen Spielens und der Tonbildung.
Auch die freiere Spielhaltung im Stehen empfinde ich als wohltuenden Ausgleich zum Sitzen an der Gitarre.
Wie fühlt es sich für dich an, nach vielen Jahren des Unterrichtens wieder selbst Schülerin zu sein?
HtS: Für mich steht das unbefangene Kennenlernen, Ausprobieren und Entdecken einer anderen Klangwelt im Vordergrund des Lernens. Das macht mir viel Freude, braucht aber auch Zeit und Geduld. Da freue ich mich über jeden kleinen Fortschritt.
Haben deine eigenen Erfahrungen als Schülerin deinen Gitarrenunterricht beeinflusst oder sogar verändert? Hast du durch das Lernen etwas für das Lehren gelernt?
HtS: Ja, das Üben will gelernt sein. Ich habe mich nochmal mit der Struktur des Übens beschäftigt, da das auf jedem Instrument ähnlich ist. Wie kann ich noch mehr Hilfestellung und Anleitung im Unterricht geben um das häusliche Üben der Schüler/innen zu unterstützen.
Wie kommt Kritik von deiner Lehrperson bei dir als Schülerin an?
HtS: Ich empfinde das Feedback und die Anleitung der Lehrerin als bereichernd und auch oft erfrischend. Manchmal vergisst man sogar grundlegende Dinge und wird wieder an die Basics erinnert.
Was war bisher auf deinem neuen Instrument die grösste Herausforderung für dich?
HtS: Die grösste Herausforderung für mich auf der Blockflöte ist das Tempo, die Schnelligkeit, die Zungentechnik, besonders die Koordination von Zunge und Fingern.
Kannst du anderen Schüler/innen etwas aus deiner eigenen Erfahrung empfehlen? Was hilft dir als Schülerin? Gibt es Strategien, die bei dir zum Erfolg geführt haben?
HtS: Es braucht viel Geduld ein Instrument zu lernen. Schritt für Schritt vorgehen und die Verbindung und die Freude vom Hören (Zuhören) und Tun (Spielen/ Motorik) entdecken.
Sich immer wieder auf das schon Gelernte besinnen, die Lieblingsstücke hervorkramen und verfeinern. Mich hat auch immer das gemeinsame Musizieren sehr motiviert.
Was ich sonst noch dazu sagen kann:
HtS: Ich habe mir als Kind im Alter von 5/6 Jahren selber Sopranblockflöte ohne Unterricht beigebracht und habe mit Begeisterung sehr viel gespielt. Nun habe ich eine Altblockflöte und greife manchmal intuitiv die Soprangriffe. Das finde ich schon erstaunlich, dass ich nach so vielen Jahren, ohne die Blockflöte in der Hand gehabt zu haben immer noch weiß, was ich als Kind gelernt habe.