Auftreten

Auftreten vor Publikum – bei manchen Menschen verursacht nur schon der Gedanke daran ein leichtes Kribbeln in der Magengegend. Andere hingegen suchen geradezu das Rampenlicht, die Bühne, die Aufmerksamkeit ihrer Umgebung. Was macht das Auftreten mit uns?

Die weltbekannte Geigerin Anne Sophie Mutter sagt in einem 2023 erschienenen Dokumentarfilm, sie sei vor ihren Auftritten nie nervös. Andere Weltstars hingegen, wie zum Beispiel Adele oder auch Luciano Pavarotti, haben sich sehr offen über ihr Lampenfieber geäussert. Dennoch schafften sie es, Millionen von Zuhörer/innen mit ihrer Musik in ihren Bann zu ziehen. Viele Musiker/innen behaupten, es sei nicht entscheidend, ob man Lampenfieber hat oder nicht, sondern wie man damit umgeht. Fragen wir eine Expertin.

Claudia Heinisch unterrichtet Blockflöte an der Musikschule Region Baden und hat schon diverse grosse Auftritte als aktive Musikerin miterlebt.

Musikschule Region Baden | Claudia Heinisch

Liebe Claudia, was waren für dich bisher die grössten, spannendsten und aufregendsten Auftritte, die du als Musikerin miterleben durftest?

Es gibt immer wieder ganz geniale MusikerInnen, mit denen ich zusammenspielen darf, und so tolle Musik, das ist ein riesiges Geschenk!
Sehr eindrücklich war für mich, das erste Mal im KKL vor fast 2000 Zuhörern zu spielen, aber viel aufregender ist es, im kleinen Rahmen zu konzertieren, wenn man den Menschen ganz nah ist und sofort «fühlt», wie die Musik aufgenommen wird.
Zu den herausforderndsten Auftritten gehören aber sicherlich meine Diplomkonzerte und der internationale ERTA-Wettbewerb, dort stand die Prüfungssituation mehr im Vordergrund als das reine Konzertieren.

Warst du sehr nervös vor diesen Auftritten? Würdest du das Gefühl mit uns teilen? Wie äussert sich Lampenfieber bei dir?

Es läuft eigentlich immer ähnlich ab, man bereitet sich als Musikerin monatelang auf diese Auftritte vor und dann muss es in der Sekunde abrufbar sein, das kann doch recht angsteinflössend sein, die Musik läuft immer weiter, zwischendurch «kurz» nochmal darüber nachdenken, wie man etwas machen würde, ist nicht möglich, das macht aber natürlich auch den Reiz des Livespielens aus.
Ich freue mich auf die grossen(und kleinen) Konzerte eigentlich immer schon wochenlang und merke dann erst am Tag selber, dass ich auch aufgeregt bin. Direkt vor dem «Rausgehen» fangen meist meine Hände an zu zittern, die Luft reicht kaum und ich glaube immer, dass ich grad «dieses Mal» nicht spielen können werde… wenn ich dann die Blockflöte in der Hand habe, meine Mitmusiker fühle und den ersten Ton spiele, ist alles wie weggeblasen im wörtlichsten Sinne und ich kann das tun, was ich am allerliebsten mache – Musik!
Kleine Anekdote: bei einem Diplomkonzert habe ich die Tür des Saals aufgemacht, das Publikum fing an zu klatschen und ich habe die Tür einfach wieder zugemacht, weil ich mir sicher war, grad umzufallen. Irgendjemand hat mich dann aber doch kurz drauf einfach rausgeschoben. Alle haben gelacht und nach wenigen Takten war wieder alles gut und ich recht glücklich.

Hast du für dich persönlich Strategien entwickelt, wie du mit Lampenfieber umgehst?

Atmen. Üben. Einfach machen.
Eine gute Vorbereitung ist natürlich superwichtig, wenn ich die Stücke gut kenne und weiss, was auf mich wartet, was mir besonders Spass macht, wo wir gut gemeinsam schwingen können, dann trägt das schon sehr.
Wenn die Angst dann kommt- und bei mir sind das zum Glück jeweils nur ein ganz paar Minuten von «Garderobe» bis zum ersten Ton – versuche ich zu hüpfen gegen das Adrenalin, Treppen zu rennen, zu atmen und irgendwie meinen Körper zu fühlen, denn der ist es ja, der die unschönen Gefühle des «Vielleichtversagens» erst zum Ausdruck bringt. Mit Gedanken kann man sicher auch versuchen, dagegenzusteuern. Es helfen mir positive Sätze, die ich wiederhole, bis die letzte Zelle es kapiert hat. 😊

Wie erlebst du Lampenfieber bei deinen Schüler/innen? Ich meine, im Musikschulalltag zu beobachten, dass viele Kinder und Jugendliche in Auftrittssituationen über sich hinauswachsen, während erwachsene Personen auf der Bühne vielfach nicht ihr gesamtes Potenzial abrufen können. Kannst du diese Beobachtung bestätigen? Wenn ja, woran mag das liegen?

Ja, Kinder möchten häufig zeigen, was sie können – getreu dem Motto «Mama, guck mal!» und sind oft unvoreingenommen. Sie bewegen sich im Alltag ja auch immer lernend und wissen, dass viele Sachen gut klappen, manche vielleicht aber auch nicht, die Fehlerkultur ist einfach eine andere als bei Erwachsenen.
Letztere vergleichen sich nach meiner Erfahrung sehr schnell mit einem Ideal, welches sie im Kopf haben, gehört haben, mit Profimusikern, mit dem was sie eigentlich erreichen wollen, haben Klangideale. Und wenn die Ziele so hoch gesteckt sind, dass man sie sowieso nicht erreichen kann, kommt dann die Angst.
Wenn bei Kindern dann das Adrenalin in der Auftrittssituation dazukommt, werden sie einfach wahnsinnig schnell, können auf einmal alles abrufen, was sie in den letzten Stunden und Proben noch gelernt haben, ja genau, sie wachsen über sich hinaus.
Erwachsene blockieren da hingegen manchmal und kommen an Bewegungsabläufe nicht mehr so gut heran.

Besprichst du das Thema Lampenfieber vor einem Auftritt mit deinen Schüler/innen? Was empfiehlst du ihnen?

Wann immer es geht, versuche ich die Musik als gigantisch-geniales Mittel erlebbar zu machen, eine Möglichkeit, um gemeinsam zu sein, Gefühle auszudrücken, Spass zu haben und etwas zu können, was man immer wieder neu anders für sich selbst erleben darf. So wird der «Oje-ein-Auftritt-schaffe-ich-das??»-Gedanke im besten Fall gar nicht erst geboren. Wichtig scheint mir auch der Umgang mit Fehlern generell zu sein, darf das Kind ausprobieren, wird es ermutigt oder werden Fehler belächelt, das Kind abgewertet?
Bei etwas älteren Schüler/innen erlebe ich aber dann doch manchmal eine gewisse Ängstlichkeit vor unseren Konzerten, in der Pubertät ist Vieles peinlich, sie definieren sich über das was sie können, nicht das was sie «sind»…. dann spreche ich das an, wir formulieren zusammen, was genau die Angst auslöst und können dann ganz konkret Lösungen dafür suchen, das sind für den einen Spiele («baue absichtlich 4 Fehler ein», «du spielst und ich versuche zu stören, du musst immer weiter spielen»…ect.), für den anderen ein Gespräch (bei dem man vielleicht merkt, dass die Angst ganz woanders herkommt und sich nur über die Konzertsituation ausdrückt), der nächste muss im Körper ankommen, sich fühlen…Atemübungen, Entspannungstricks und gaaanz viel Spass gehören sowieso immer dazu. Manchmal reicht es auch schon, im Ensemble hinten stehen zu dürfen, mal eine andere Stimme zu versuchen oder an anderer Stelle im Programm zu spielen.
Mein wichtigster Ratschlag- und das üben wir in jeder Stunde, in jeder Probe und vielleicht hilft es auch im Leben neben der Musik: Spass haben wie verrückt, Üben wie verrückt und immer lernen, Fragen stellen, weitermachen. Und wenn man dann erstmal auf den Brettern steht, die die Welt bedeuten: Noten sind nur Anhaltspunkte, kompetent gucken und das Publikum als Freunde wahrnehmen. Es ist so schön, dass wir Musik machen dürfen!