Wozu eigentlich ein Musikinstrument spielen?

«Wozu eigentlich ein Musikinstrument spielen? Der Stundenplan ist doch schon voll genug!» Als Eltern kennen Sie diese Überlegung wahrscheinlich. Die Schulstundenpläne werden immer voller, die Freizeit der Kinder und Jugendlichen immer knapper, Sport wäre auch noch gut. Wo bleibt da noch Zeit zum Musizieren? Hier finden Sie Gründe, warum es dennoch Sinn macht, ein Instrument zu erlernen. Welches am besten? Das können Sie an unseren Instrumentenwerkstätten herausfinden, welche in den nächsten Wochen in verschiedenen Mitgliedsgemeinden stattfinden.

Kopf, Herz und Hand

Das pädagogische Prinzip des Lernens mit Kopf, Herz und Hand basiert auf den Erkenntnissen von Johann Heinrich Pestalozzi (1746 – 1827) und hat seither nichts an Aktualität eingebüsst, im Gegenteil. Die schulische Bildung und nicht zuletzt die Anforderungen der Wirtschaft als Abnehmerin unserer Schülerinnen und Schüler laufen Gefahr, mehr und mehr auf kognitive Fähigkeiten, auf das Anhäufen von Wissen zu fokussieren. Das Herz (die emotionale Entwicklung) sowie die Hand (praktische und koordinative Fähigkeiten) haben in den Lehrplänen einen zunehmend schweren Stand.

Keine andere Tätigkeit verbindet Kopf, Herz und Hand intensiver und unmittelbarer als das Spielen eines Musikinstruments. Das kognitive Erfassen eines Notentextes allein bringt die Musik nicht zum Klingen. Ohne den Einfluss von Emotionen bleibt die Musik seelenlos. Und jede gehörte oder gelesene Musik muss unmittelbar in Bewegungsabläufen auf das Instrument übertragen werden. Ansonsten bleibt sie dem oder der Ausführenden fremd. Für eine umfassende und ganzheitliche Entwicklung eines jungen Menschen ist daher kaum eine bessere Tätigkeit denkbar als das Musizieren auf einem Instrument.

Über die positiven Auswirkungen auf die Entwicklung des Gehirns gibt es diverse wissenschaftliche Studien. Eine einfache und gut verständliche Zusammenfassung ist unter anderem hier zu finden: https://youtu.be/RSpOxUyyxcU?si=l-D67VrVmdbVK6jM

Ausgleich in einer leistungsorientierten Welt

Kennen Sie diese Bilder von völlig in sich ruhenden und versunkenen Kindern oder Jugendlichen, die entweder Musik hören, sie selber machen oder auch eine Zeichnung anfertigen? Solche Bilder werden seltener. Eher vertraut sind uns die bangen und angespannten Blicke auf den Bildschirm, um zu überprüfen, wie viele Bonuspunkte man im neusten Game gesammelt oder wie viele Likes man auf dem Instagram Account erhalten hat. Und ja, auch der Leistungsdruck in der Schule nimmt zweifellos zu. Umso wichtiger wäre es doch, sich Zeitfenster zu schaffen, in denen man zur Ruhe kommen und selbst erzeugte Klänge bewusst wahrnehmen kann. Warum nicht mit einem Musikinstrument?

Musizieren kann schulische Leistungen unterstützen

Wer Klavier spielt, ist besser in Mathe? Nun, so einfach ist es in aller Regel doch nicht. Wissenschaftliche Studien haben jedoch gezeigt, dass Konzentration, logisches Denken und Merkfähigkeit durch die Beschäftigung mit Musik nachweislich unterstützt werden.

Teamwork

Vielfach hören wir in der Musikschule, dass Schülerinnen oder Schüler sich für den Sport anstatt für die Musik entscheiden mit dem Argument, dort spiele man halt im Team, während man Musik vorwiegend alleine macht. Das stimmt nur sehr bedingt und kommt auf das Instrument an. Auch Musik wird umso interessanter, je öfter man sie im Team machen kann, also in einer Band, einem Ensemble oder Orchester. Angebote dafür gibt es genug, jedoch machen wir in der Musikschule leider vielfach die Erfahrung, dass aus Zeitgründen auf die regelmässige Mitwirkung in einem Ensemble verzichtet wird, obwohl es dort eigentlich erst so richtig interessant würde mit dem Musizieren.

Auftrittskompetenzen

Vor andere Leute hinstehen und etwas präsentieren – haben Sie es schon einmal versucht? Bei vielen Menschen verursacht nur schon der Gedanke daran ein flaues Gefühl in der Magengegend. Dennoch zählt das Präsentieren von Inhalten vor einer grösseren Gruppe von Zuhörenden zu einer zunehmend wichtigen Fähigkeit, auch in der Berufswelt. Wo sonst könnte man eine solche Situation besser üben, als beim Vortrag eines Musikstückes vor Publikum?

Stärkung des Selbstvertrauens

Wenn Sie selbst schon einmal Musik gemacht haben, dann kennen Sie sicher die Anspannung in den Momenten vor einem Auftritt. Lampenfieber wird dieses Gefühl genannt, denn im nächsten Moment findet man sich im Scheinwerferlicht auf der Bühne wieder mit allen Augen des Publikums auf sich gerichtet. In solchen Momenten ist es ungeheuer wichtig, sich fokussieren zu können auf die Erkenntnis: Ich kann das, ich bin vorbereitet, es kann nichts schiefgehen. Auch solche Situationen lassen sich üben und liefern wertvolle Erfahrungen mit ähnlichen Situationen im späteren Leben.

Der Applaus – die Reaktion des Publikums

Es ist ein wunderbares Gefühl, nach einem gelungenen Auftritt die Anerkennung des Publikums in Form von Applaus entgegennehmen zu dürfen. Der Applaus sei das Brot des Künstlers, sagt man. Er zahlt zwar nicht die Miete, aber er stärkt ohne Zweifel das Selbstwertgefühl. Wie oft hört man Klagen aus der Berufswelt, die erbrachte Leistung werde von den Vorgesetzten nicht genügend gewürdigt, es fehle also im übertragenen Sinne der Applaus für die getane Arbeit. Gönnen wir unseren Kindern dieses grossartige Erlebnis, eine unmittelbare Reaktion und Anerkennung für ihre Leistung entgegennehmen zu dürfen!

Musizieren um des Musizierens willen

Alle oben genannten Aspekte des Musizierens sprechen dafür, sich auf das Abenteuer Musizieren einzulassen. Dennoch sollten sie nicht im Zentrum unserer Überlegungen stehen. Wer nur ein Instrument spielt, um in der Schule bessere Noten zu erzielen oder um einmal im Rampenlicht zu stehen, wird früher oder später enttäuscht werden. Das optimale Ergebnis erzielt, wer die Freude am Musizieren selbst für sich entdeckt und darin aufgeht. Alles andere sind angenehme und durchaus erwünschte Nebeneffekte, die wir gerne mitnehmen, wenn sie sich einstellen.