Singen können doch alle irgendwie – oder doch nicht? Viele Erwachsene, vor allem Männer, verwerfen sofort die Hände, wenn sie auf Singen angesprochen werden. «Nein, das kann ich nicht, hab’ ich noch nie gekonnt.» heisst es oft.
Was lernt man im Gesangsunterricht? Wie wird man eigentlich Opernsänger/in? Unsere Gesangslehrerinnen Monika Dietiker und Maria Diaz Coca geben Auskunft.

Monika Dietiker unterrichtet Gesang in Baden und Obersiggenthal.
Ab welchem Alter macht Gesangsunterricht Sinn? Wann hattest du selbst deinen ersten Gesangsunterricht?
Monika Dietiker: Ich habe während der ganzen Primarschulzeit immer gesungen, allerdings ohne Anleitung. Wenn es in Schulaufführungen oder ähnlichen Veranstaltungen darum ging, ein Solo zu singen, war ich immer vorne dabei und bekam haufenweise Komplimente. Im Alter von 13 Jahren erhielt ich dann meinen ersten klassischen Gesangsunterricht am Gymnasium.
Heute fangen viele singbegeisterte Kinder früher an mit dem Gesangsunterricht – die Stimmentwicklung ist allerdings sehr individuell und daher kann man nicht genau sagen, wann der beste Zeitpunkt für den ersten Gesangsunterricht ist. Es ist nicht so, dass ein frühes Einsteigen schadet, aber oft machen die jüngeren Kinder langsamere Fortschritte.
Was genau lernt man im Gesangsunterricht? Wie läuft eine typische Gesangsstunde ab? Was genau übt man eigentlich, wenn man Gesang übt?
MD: Zuerst mache ich immer eine Art Standortbestimmung. Jede Schülerin/ jeder Schüler hat einen individuellen Status quo, von dort an kann ich dann anfangen. Wir lernen die richtige sängerische Haltung, Atmung und Körperspannung anzuwenden, machen Übungen mit verschiedenen Vokalen für die Höhe, Tiefe und Wendigkeit. Im 2. Teil werden die technischen Fertigkeiten in einem Lied oder sonstigem Gesangsstück angewendet, wobei dann vermehrt am stimmlichen und musikalischen Ausdruck gearbeitet wird.
Singt man an der Musikschule nur klassische Musik oder auch Popsongs? Welchen Stil magst du selbst lieber?
MD: An der Musikschule werden sowohl klassische als auch populäre Musik unterrichtet. Das Spektrum ist dabei sehr breit. Meine Grenze ist auf der einen Seite das Jodeln – da weiss ich zwar, wie das theoretisch geht, kann es selber aber nicht wirklich – und die Spezialeffekte beim Metalgesang wie growling, grunting, screaming etc…da ist es ebenso: theoretisch kann ich erklären wie es geht, selber vormachen kann ich das nicht. Ich selber singe am liebsten klassische Musik und Musical, mag aber auch Jazz- und Popballaden.
Warum klingt die Stimme von Popsängerinnen so total anders als jene von Opernsängerinnen? Was machen Opernsänger, damit sie so laut singen können, dass sie in einem grossen Konzertsaal nicht einmal ein Mikrophon benötigen und trotzdem lauter tönen als ein ganzes Orchester?
MD: Popsängerinnen verwenden eine andere Technik. Sie singen meistens in einem anderen Register als Opernsängerinnen. Opernsängerinnen nutzen ihre Resonanzräume im ganzen Körper, was den Ton verstärkt und singen ausserdem sehr obertonreich. Im Popgesang werden Resonanzräume ganz gezielt ausgewählt.
Singt man an der Musikschule auch gemeinsam mit anderen oder immer nur alleine?
MD: Es gibt die Möglichkeit von Gruppenunterricht und Ensembles. Ich habe ein Ensemble für Jugendliche von der 6. Bis 9. Klasse im Angebot und ein klassisches Vokalensemble für Erwachsene. Stimmbildung ist aber tatsächlich am sinnvollsten im Einzelunterricht.
Wie wird man als Sängerin zum Popstar? Wie hat eine Taylor Swift das gemacht? Genügt es nicht, einfach schön singen zu können?
MD: Wenn es da ein Patentrezept geben würde, dann wäre ich wohl inzwischen Millionärin…. Spass beiseite: Es spielen viele Faktoren zusammen. Gut singen können hilft natürlich schon, ist aber erst die halbe Miete. Es braucht ein sogenanntes Gesamtpaket bestehend aus Talent, Originalität, den Zeitgeist treffen, zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Ausserdem viel Durchhaltewille und harte Arbeit und nicht zuletzt: Glück.
Ist es auch für erwachsene Personen sinnvoll, Gesangsunterricht zu nehmen?
MD: Absolut. Singen tut dem Körper und der Seele gut. Ausserdem kann man mit der richtigen Technik auch im Erwachsenenalter noch sehr viel dazulernen.
Was empfiehlst du Schüler/innen, die davon träumen, später einmal mit Gesang Geld zu verdienen?
MD: Oft haben die Kinder illusorische Vorstellungen, wie das Leben als Sängerin ist. Ich erkläre dann, dass gerade mal 2% der Musiker in der Schweiz vom Auftreten leben können. Der Markt ist nicht gerade riesig. Wenn jemand sehr talentiert ist und für eine Hochschulausbildung in Frage kommt, dann schicke ich sie gerne an Infoveranstaltungen, zum Beispiel für das Precollege an der ZHdK. Dann lernen sie die verschiedenen Berufsfelder kennen. Träumen von einer Karriere ist natürlich nicht verboten, ich achte nur darauf, dass ich nicht noch mehr Luft in die Seifenblase puste!
Maria Diaz Coca unterrichtet Gesang in Untersiggenthal und Turgi.
Ab welchem Alter macht Gesangsunterricht Sinn? Wann hattest du selbst deinen ersten Gesangsunterricht?
Maria Diaz Coca: Es ist sehr vom Schüler abhängig: In meiner Erfahrung als Lehrerin habe ich Kinder von 6 Jahren erlebt, die den Unterricht sehr genossen haben. Als allgemeine Regel kann jedoch ab etwa 10 Jahren jedes Kind dem Unterricht problemlos folgen. Ich persönlich habe sehr spät angefangen, mit 21 Jahren, als ich bereits in Konzerten sang. Meine musikalische Ausbildung begann mit Klavier im Alter von 7 Jahren.
Was genau lernt man im Gesangsunterricht? Wie läuft eine typische Gesangsstunde ab? Was genau übt man eigentlich, wenn man Gesang übt?
MDC: Eine Gesangsstunde hat zwei Teile: zuerst Aufwärmen und Technik, wo wir die Stimme mit Übungen vorbereiten, die gleichzeitig die Art verbessern, wie der Klang produziert wird (Skalen, Silbenspiele, Atemübungen usw.). Danach, im zweiten Teil der Stunde, arbeiten wir mit den Liedern, die wir lernen möchten, und verbessern dabei nicht nur die Technik, sondern auch die Interpretation.
Singt man an der Musikschule nur klassische Musik oder auch Popsongs? Welchen Stil magst du selbst lieber?
MDC: In der Musikschule singt man, was man lernen möchte: Klassik, Popsongs, Musical, Rock, Jazz … Persönlich unterrichte ich sehr gern Musical, weil es ein Gleichgewicht zwischen Klassik und Moderne ist und eine sehr energiegeladene Stimme verwendet.
Warum klingt die Stimme von Popsängerinnen so total anders als jene von Opernsängerinnen? Was machen Opernsänger, damit sie so laut singen können, dass sie in einem grossen Konzertsaal nicht einmal ein Mikrophon benötigen und trotzdem lauter tönen als ein ganzes Orchester?
MDC: Die klassische Technik ist darauf ausgelegt, das grösstmögliche Volumen zu erreichen. Das gelingt, indem sowohl die Kraft der Atemmuskulatur maximiert wird als auch möglichst viele Resonanzräume des Körpers geöffnet werden: Kehle, Gaumen, Brust … In der Popmusik haben wir die Hilfe eines Mikrofons, deshalb müssen wir das nicht auf die gleiche Weise lernen. Gleichzeitig können wir, weil wir nicht so laut singen müssen, viel mehr Klangfarben erzeugen.
Singt man an der Musikschule auch gemeinsam mit anderen oder immer nur alleine?
MDC: Es gibt Vorspiele jeder Instrumentalklasse, bei denen man solo singt, und auch Schulkonzerte, bei denen man in Ensembles, Rockbands oder Chorgruppen singt.
Wie wird man als Sängerin zum Popstar? Wie hat eine Taylor Swift das gemacht? Genügt es nicht, einfach schön singen zu können?
MDC: Üben macht den Meister! Taylor Swift hat viele Jahre hart trainiert und nimmt auch heute noch Gesangsunterricht! Ich würde sagen, dass das Erfolgsrezept viel Üben beim Studieren und viel Praxis beim Musizieren mit anderen Mitspielern ist.
Ist es auch für erwachsene Personen sinnvoll, Gesangsunterricht zu nehmen?
MDC: Natürlich! Singen ist eine wunderbare Ausdrucksform für alle Menschen. In der MSRB haben wir Schülerinnen und Schüler jeden Alters.
Was empfiehlst du Schüler/innen, die davon träumen, später einmal mit Gesang Geld zu verdienen?
MDC: Viel Training, um das grösste Potenzial aus deinem Instrument herauszuholen, an vielen Projekten teilnehmen und andere Disziplinen wie Theater, Tanz oder andere darstellende Künste lernen. Aber vor allem nie vergessen, dass wir singen, weil wir das Singen lieben!